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Beruf: Schuler-Journalist

 

Sie sind Jungen und Madchen zwischen 13 und 15 und sie sind Schuler im Gymnasium. Vielleicht argern sie ihren Gemeinschaftskundelehrer, vielleicht schreiben sie in der Schularbeit ab, aber sie wissen, wie man ein Projekt erfolgreich zum Abschluss bringt. Seit einem Jahr interviewen Schulerinnen und Schuler aus vier europaischen Landern sich gegenseitig uber ihre Lebensweisen, ihre Einstellungen zu Europa oder ihre Befurchtungen fur die Zukunft. In Osterreich, Griechenland, Deutschland und Frankreich sind diese Schuler in die Rolle des Journalistern geschlupft und haben fur eine Studie uber die Jugendlichen in unserer Zeit recherchiert.


EuroSPIn: ein Programm, vier Lander

Das Programm EuroSPIN (European Students' Press Initiative) begann im Jahr 2000 auf Initiative einer Zeitung und einer griechischen Schule. Das Ziel war die Zusammenarbeit zwischen Massenmedien und Schulen in Europa. Schulerinnen und Schuler in ganz Europa haben die gleichen Fragebogen ausgefullt. Die Ergebnisse wurden in Griechenland von den Mitgliedern des Eurospin-Teams auf der Homepage des Projekts gesammelt, ediert und prasentiert. So entstand reichhaltiges Material fur eine zu veroffentlichende Studie uber die Lebensweisen junger Europaer, ihre Erwartungen an die Schule, ihre Identitat, und ihre Einstellungen zu Europa. Nach einem Jahr traten die Schuler erneut in Aktion. Nachdem das Umfragematerial in vier Bereiche aufgeteilt war und jedes beteiligte Land seinen Teil ubernommen hatte, gingen die Schuler daran, kleine Zeitungsartikel zu der Umfrage zu entwerfen und selbst zu schreiben. In jedem Land wurden die Schuler dabei von Profi-Journalisten bei einer Zeitung oder Zeitschrift angeleitet. Die Zeitschrift "Europe et Liberte" (Europa und Freiheit) unterstutzte die franzosischen Schuler in ihrer Arbeit.

Umwandlung der Zahlen in Informationen

Wenn man die Unmenge an Tabellen, Zahlen und Graphiken zum ersten Mal sieht, reibt man sich die Augen. Die 9.- und 10.-Klassler des Jean-Moulin- und des Alphonse-Daudet-Gymnasiums in Paris waren die franzosischen Vertreter des Projekts. Ihr Auftrag: die Daten zu analysieren und sie in Zeitungsartikeln aufzubereiten. Im Rahmen des EuroSpin-Projekts war ein offenes Diskussionsforum fur die jungen Leute im Internet eingerichtet worden. So konnten die jungen Autoren Erlauterungen einholen fur gewisse Zahlen und Daten, einfach indem sie direkt ihre Mitschuler in Griechenland, Deutschland oder Osterreich um Erklarung baten. Und sie antworteten auch fur die franzosische Seite auf Fragen, die von den anderen kamen.
Der schwierigste Teil fur diese Schuler war, die Schulerhaltung abzulegen und als "Journalisten" die wichtige Nachricht hinter den Daten aufzudecken. Zu Beginn horte man oft: "Wenn ich das jetzt herausstreiche, wird mein Artikel nur zwei Zeilen lang, und ich muss doch die Seite fullen...". Langsam jedoch begannen die Worter aufs Papier zu flie?en und den jungen "Journalisten" gelang es, Daten in Informationen zu verwandeln. Die Zeitschrift "Europe et Liberte" prasentiert in dieser Ausgabe das Ergebnis der Anstrengungen der franzosischen Schuler. Ihre Analyse zu "Die Europaer und das Leben nach der Schule" zeigt die kulturellen Unterschiede im Innern Europas: Wie und wo stellen sich die jungen Europaer ihre berufliche Zukunft vor?

Im Ausland arbeiten? Okay, aber nicht uberall...

Auf geht`s nach Europa!

Ist unsere Generation im Zeitalter von Europa wirklich bereit, in ein anderes europaisches Land zu ziehen, um sich dort eine berufliche Zukunft aufzubauen? Der europaische Arbeitsmarkt entwickelt sich und die Jugendlichen scheinen es sicherer zu finden, in einem EU-Land zu arbeiten. Die technologische und wirtschaftliche Entwicklung motivieren die jungen Leute, ihr Land zu verlassen und woanders Arbeit zu suchen. Aus der EuroSpin-Umfrage geht hervor, dass ungefahr 70% der jungen Europaer bereit sind, ihr Heimatland zu verlassen, wenn ihnen jemand eine interessantee Stelle oder einen Studienplatz anbietet. Aber es gibt Unterschiede: die jungen Frauen erscheinen eher entschlossen, bei einem tollen Angebot ihre Heimat zu verlassen. Das Bild der Frau, die ihr Studium oder ihre Karriere fur Ehe und Familie aufgibt, gehort endgultig der Vergangenheit an. Allerdings sind wenige Jungen in Europa sich sicher, dass sie spater eine solche Entscheidung treffen wurden. Die Mehrheit erklart, dass alles von der Art der Arbeit und dem vorgeschlagenen Zielort abhangt. Das Bild der EU in den Medien vermittelt den jungen Europaern Sicherheit. Dank gemeinsamer europaischer Projekte haben viele Schuler Gelegenheit, andere EU-Lander kennzulernen. Au?erdem ermoglichen moderne Transportmittel wie der Thalys, der Eurostar oder der S-Zug einfache, schnelle Reisen vom einen Land ins andere, was die Jugendlichen nutzen. Die Einfuhrung der neuen gemeinsamen Wahrung ist ebenfalls ein entscheidender Faktor. Die junge Generation scheint sich keine Sorgen wegen der Aussicht zu machen, innerhalb von Europa umziehen zu mussen, um sich ihre Zukunft zu sichern.

Audrey, P.-David, J.-Marc, Clement, Yann, Sydney, Mathieu


Amerika: Traum der Europaer

Zu Beginn des neuen Jahrtausends traumen die europaischen Jugendlichen mehr denn je vom Land der "Goldgraber" und der Hollywood-Stars. Rund 80% aller jungen Europaer sind bereit, fur einen interessanten Job in die USA zu gehen. Die USA, seit 500 Jahren Einwanderungsland, symbolisieren das Land der Traume, des Reichtums und des Erfolgs. In kultureller Hinsicht wird Europa immer wieder von der amerikanischen Gesellschaft beeinflusst. Durch Fast Food, Freizeitmode und zahlreiche Kinoproduktionen ist Amerika in jedem Moment unseres Alltags prasent. Das erklart das Interesse der europaischen Jugendlichen an den USA. Interessant ist die Feststellung, dass 69% der osterreichischen Jugendlichen bereit waren, nach Nordamerika zu gehen, und das in einer Zeit, da es in Osterrich fast keine Arbeitslosigkeit gibt. Andererseits reizt die Idee, in andere, nicht naher benannte Lander zu ziehen, die Befragten sehr viel weniger. Das Beispiel Deutschlands ist hier bezeichnend. Der Prozentsatz der Ausreisewilligen sinkt auf die Halfte, wenn statt der USA ein anderes, nicht naher benanntes Land das Ziel sein soll (USA 80%, 40% andere Lander). Es ist erstaunlich und auch ein bisschen traurig, dass so viele europaische Jugendliche bereit sind, ihr Land fur eine Angebot in den USA zu verlassen.


Nein zu Osteuropa

Hier die Antworten der europaischen Schuler:
Nur einen von funf reizt die Idee, sich in Osteuropa einen Arbeitsplatz zu suchen, wahrend fast alle nach Nordamerika oder in die EU gehen wurden. Es ist interessant, nach den Grunden zu suchen, warum Osteuropa unter europaischen Jugendlichen einen so schlechten Ruf hat. Anscheinend basiert die Haltung der meisten auf Vorurteilen. Die aus dem Zerfall der Sowjetunion entstandenen Lander gelten oft als unterentwickelt, und obwohl der Eiserne Vorhang gefallen ist, scheint das Bild des Totalitarismus noch in vielen Kopfen prasent zu sein. Heute bewegen sich alle Lander Europas in Richtung auf echte Demokratie. Der eindeutig niedrigere Lebensstandard in diesem Teil Europas ist jedoch sicher ein Mobilitatshindernis fur die Menschen. Der Reaktor von Tschernybol, Symbol dieses Teils Europas, bringt schlimme Bilder ins Gedachtnis zuruck. Auch wenn die radioaktive Belastung an Intensitat verloren hat, stellt sie doch weiterhin eine Bedrohung dar, zumindest in den Kopfen der Jugendlichen. Man kann allerdings feststellen, dass auf dem Hintergrund der allgemein geringen Motivation die jungen Franzosen immerhin etwas weniger zogerlich sind. 28% von ihnen waren wahrscheinlich doch bereit, nach Osteuropa umzuziehen. Anzumerken ist ubrigens, dass die Franzosen von allen am Projekt beteiligten Gruppen geographisch am weitesten von Osteuropa entfernt sind.

Umzug an einen anderen Ort

Die meisten Schuler in Europa sind bereit, in andere Gegenden oder Stadte zu ziehen, um einen Studienplatz oder eine Arbeit zu finden. Auch der Umzug innerhalb des Landes beunruhigt niemanden mehr. 89% der Jugendlichen wurden es tun, wenn das Angebot gut ware. Mit 97% sind die jungen Deutschen diejenigen Europaer, die von dieser Moglichkeit em meisten begeistert sind. Zweifellos spielt hier der Fall der Mauer, der Deutschland so lange Zeit in zwei Teile geteilt hatte, eine entscheidende Rolle. Auf der anderen Seite stehen die jungen Griechen, und zwar besonders die Jungen, die nicht so gern von ihrem Heimatort wegziehen mochten. Vielleicht liegt das an ihrer mediterranen Kultur. Aufgrund ihrer Erziehung bleiben sie lieber in der Nahe der Familie.

Den Blick auf die Zukunft gerichtet

Was werden wir spater tun? Wie wird unser Leben weitergehen?
Fur einen jungen Menschen stellt die Vorstellung, wie er wohl selbst in Zukunft sein wird oder wie sein Leben in 20 oder 30 Jahren aussehen mag, etwas Gefahrliches dar. Zumindest fur die Schuler im "Sechseck" (so nennen wir Frankreich). In Frankreich haben wir den niedrigsten Prozentsatz an Schulern, die sich uber ihr zukunftiges Leben Gedanken machen. Rund ein Drittel von ihnen hat uberhaupt keine Vorstellung davon, wie ihr Leben sich entwickeln mag, im Gegensatz zu ihren Mitschulern in Osterreich, von denen sich nur 6% keine Vorstellung von der Zukunft machen konnten. Der Grund fur diese Haltung in Frankreich ist bestimmt die hohe Arbeitslosigkeit, die den jungen Menschen Angst macht.

Antonin und Baptiste


Lernen wir das Richtige?

Die Meinungen der Schuler sind gespalten in der Frage, ob das, was sie in der Schule lernen, ihnen in einem vereinten Europa noch von Nutzen sein wird. Osterreich ist ein besonderer Fall, weil ein Viertel der Schuler glaubt, dass ihre Schule sie nicht ausreichend auf eine Zukunft im vereinten Europa vorbereitet. Dagegen stimmen in den anderen Landern die Jugendlichen vor allem darin uberein, dass ihnen ihre Kenntnisse unabhangig von Europa nutzlich sein werden. Vielleicht liegt es daran, dass in anderen Landern der Unterricht in Literatur oder Geschichte nicht die gleiche Rolle spielt. Dabei denken wir an die Osterreicher (und das sind hier ubrigens vor allem Jungen), die glauben, dass das, was sie lernen, im vereinten Europa uberholt sein wird.

Theo


Schule und Zukunft - ein problematisches Paar

"Was machst du, wenn du gro? bist?" Eine Frage, die wohl jeder schon einmal gehort hat. Einige konnen darauf antworten, einige haben keine Ahnung, aber sehr viele fragen sich selbst. Die Gesellschaft verandert sich, die Berufe auch. Neue Technologien nehmen tagtaglich mehr Raum in unserem Leben ein. Die Schule muss zur Vorbereitung ihrer Schuler auf zukunftige Entwicklungen ihren Beitrag leisten. Im allgemeinen beobachten wir, dass die Schuler in Europa sich auf die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht vorbereitet fuhlen. Nach Aussage der EuroSpin-Umfrage denken nur 18,1% aller Befragten (in Osterreich, Deutschland, Griechenland und Frankreich), sie seien gut vorbereitet. Ob die Jugendlichen wohl an der Effektivitat ihrer Schulsysteme zweifeln? Wenn wir das Thema etwas genauer betrachten, so stellen wir fest, dass die Antworten sich von Land zu Land unterscheiden. Wir wissen, dass in Frankreich ebenso wie in Deutschland die Arbeitslosigkeit wahrend der wirtschaftlichen Krise erschreckende Hohen erreichte, und die Erinnerung daran ist noch frisch. Ungefahr die Halfte aller 13-14jahrigen Franzosen glauben nicht oder wissen nicht, ob sie auf die neuen gesellschaftlichen Entwicklungen gut vorbereitet sind. In einigen Landern gibt es mehr Vertrauen in die Zukunft, so zum Beispiel in Osterreich. 70,2% der osterreichischen Schuler denken, dass sie einigerma?en ausreichend auf die Gesellschaft von morgen vorbereitet sind. Aber dort tendiert auch die Arbeitslosigkeit gegen Null. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Wir beobachten, dass die Madchen weniger vertrauensvoll in die Zukunft blicken als die Jungen. In Griechenland zum Beispiel meinen 20% der Jungen, sie seien gut vorbereitet, im Vergleich zu nur 15,7% bei den Madchen. Nur in Osterreich scheinen die Madchen mehr Vertrauen in die ihnen vermittelte Bildung zu haben als die Jungen. Mehr als ein Drittel von ihnen glauben, dass sie auf die Veranderungen in der Gesellschaft gut vorbereitet sind, wahrend etwas weniger Jungen das so sehen. Also, all diejenigen, die meinen, kein Schuler schatze seine Schule, sollten ihre Ansicht noch einmal uberdenken. Die Schule hat nicht in jedem Land den gleichen Ruf.

Amos

Ein wichtiger Punkt: Die Erwartungen der Jugendlichen aus Europa an ihre Zukunft reflektieren haufig die "Gesundheit" ihres Herkunftslandes. Je besser das Land im Vergleich zu den anderen seine Porbleme lost, desto mehr Vertrauen in ihr Land haben seine jungen Bewohner. Auch gesellschaftliche Faktoren beeinflussen die Ergebnisse, die Griechen zum Beispiel sind eher Nesthocker als ihre europaischen Nachbarn.
Au?er da? das Projekt viele Zahlen und Analysen geliefert hat, lasst sich noch mehr Postives daruber sagen. In allen beteiligten Landern lernten die Schuler etwas uber ihre europaischen Mitschuler. Die Schuler in Deutschland korrespondierten mit Schulern in Griechenland, die Schuler in Osterreich stellten Fragen an die Gleichaltrigen in Frankreich. Alle nahmen teil an einem echten soziologischen Forschungsprojekt, mit dem Ziel, der euopaischen Offentlichkeit etwas Wichtiges mitzuteilen. Mit Hilfe der neuen Multi-Media-Technologie hat diese Initiative Austausch, Kommunikation und Lernen ermoglicht. Die Ideen aus dem EuroSpin-Projekt mussen einen Anlass bilden, uber die Zukunft der Europaischen Union nachzudenken. Die europaische Politik sollte sich von dieser unveroffentlichten Studie inspirieren lassen.

Benjamin Cohen